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Die Zeitenwende

Warum Europa wieder lernen muss, sich zu verteidigen

Am 24. Februar 2022 überfiel Russland die Ukraine. Es war der erste große Angriffskrieg auf europäischem Boden seit 1945. In Berlin sprach Bundeskanzler Scholz drei Tage später von einer „Zeitenwende“. Es war eines jener Worte, die sofort in den politischen Sprachgebrauch eingingen – und die doch bis heute mehr Versprechen als Wirklichkeit geblieben sind. Was aber bedeutet diese Zeitenwende eigentlich? Und warum muss sich ausgerechnet Deutschland – das Land, das wie kein anderes die Katastrophen des Militarismus erlebt hat – nun wieder mit dem Krieg befassen?

Der lange Frieden und seine Illusion

Die Jahrzehnte nach 1945 haben in Westeuropa einen beispiellosen Wohlstand und Frieden hervorgebracht. Die europäische Integration, die NATO, die amerikanische Sicherheitsgarantie und die nukleare Abschreckung schufen einen Rahmen, in dem Krieg zwischen europäischen Staaten undenkbar erschien. Dieser Zustand währte so lange, dass er irgendwann nicht mehr als historische Ausnahme, sondern als Normalität empfunden wurde. Franz-Stefan Gady bringt es in seinem Buch Die Rückkehr des Krieges auf den Punkt: Die Friedenszeit hat uns träge gemacht.

Es war eine gefährliche Trägheit. Während Europa seine Verteidigungsbudgets kürzte und seine Armeen schrumpfte, veränderte sich die Welt. Russland unter Putin rüstete auf und annektierte 2014 die Krim. China baute in atemberaubendem Tempo eine maritime Streitmacht auf, die mittlerweile die größte der Welt ist. Autoritäre Regime in Iran, Nordkorea und andernorts investierten in Raketen und nukleare Fähigkeiten. Europa schaute zu – und redete sich ein, dass wirtschaftliche Verflechtung Krieg unmöglich mache.

Das erinnert an eine Illusion, die bereits einmal tödlich endete. 1910 veröffentlichte der britische Publizist Norman Angell sein Buch Die große Illusion, in dem er argumentierte, dass ein Krieg in einer derart vernetzten Wirtschaftswelt schlicht unrentabel sei. Vier Jahre später brach der Erste Weltkrieg aus. Die Verflechtung der Volkswirtschaften verhinderte den Krieg nicht – sie machte seine Folgen nur umso verheerender. Heute stehen wir vor einer ähnlichen Situation. Die Annahme, dass Handel und gegenseitige Abhängigkeit Kriege verhindern, hat sich erneut als Wunschdenken erwiesen. Russland lieferte bis zum Vorabend des Überfalls Gas durch Pipelines nach Europa. China ist der wichtigste Handelspartner Deutschlands. Und dennoch – oder gerade deshalb – sind die Spannungen größer als seit Jahrzehnten.

Die Lehren der Geschichte – aber welche?

Deutschland hat aus den beiden Weltkriegen eine tiefe Lehre gezogen: Nie wieder Krieg. Nie wieder Militarismus. Nie wieder deutsche Soldaten als Aggressoren auf europäischem Boden. Diese Haltung ist verständlich und in ihrem Kern richtig. Aber sie ist unvollständig.

Denn die Geschichte des 20. Jahrhunderts lehrt nicht nur, dass Aggression in die Katastrophe führt. Sie lehrt auch, dass das Fehlen von Abschreckung zur Aggression einlädt. Hitlers Weg in den Krieg war gepflastert mit Momenten, in denen die demokratischen Mächte hätten eingreifen können – und es nicht taten. Die Besetzung des Rheinlands 1936, der Anschluss Österreichs 1938, die Zerschlagung der Tschechoslowakei 1939 – bei jeder dieser Gelegenheiten hätte ein entschlossenes Auftreten Frankreichs und Englands den Lauf der Geschichte verändern können. Als Hitler das entmilitarisierte Rheinland besetzte, hatten seine Soldaten den Befehl, sich beim geringsten Widerstand sofort zurückzuziehen. Eine einzige französische Division hätte genügt. Frankreich rührte sich nicht.

Sebastian Haffner hat in seinen Schriften immer wieder darauf hingewiesen, dass die Appeasement-Politik der dreißiger Jahre nicht den Frieden bewahrte, sondern den Krieg ermöglichte. Wer den Frieden will, muss bereit sein, ihn zu verteidigen. Oder, wie es die Römer formulierten und wie es Franz-Stefan Gady als Leitmotiv seines Buches aufgreift: Si vis pacem, para bellum – Wer den Frieden will, bereite sich auf den Krieg vor.

Der Clausewitzsche Dreiklang

Gady greift in seinem Buch tief in die Kriegstheorie, um zu erklären, warum das Phänomen des Krieges nicht verschwindet, nur weil wir es aus unserem Denken verdrängt haben. Er unterscheidet – in Anlehnung an Carl von Clausewitz – zwischen der Natur des Krieges und seinem Charakter. Die Natur des Krieges ist konstant: Gewalt, Unsicherheit, Friktion, der Primat der Politik. Diese Elemente begleiten jeden bewaffneten Konflikt seit Thukydides‘ Beschreibung des Peloponnesischen Krieges. Der Charakter des Krieges hingegen wandelt sich mit der Technologie, der Gesellschaft und den politischen Verhältnissen.

Die Schlussfolgerung ist unbequem, aber zwingend: Man kann den Charakter des Krieges verändern – mit Drohnen, Cyberwaffen, Künstlicher Intelligenz. Man kann seine Natur nicht abschaffen. Der Krieg verschwindet nicht, nur weil Europa beschlossen hat, ihn für obsolet zu erklären.

Warum Aufrüstung kein Militarismus ist

Hier liegt der entscheidende Denkfehler, der die deutsche Debatte seit Jahrzehnten lähmt: Die Gleichsetzung von militärischer Stärke mit Militarismus. Das Kaiserreich unter Wilhelm II. war militaristisch – es verherrlichte den Krieg, es ordnete die Politik dem Militär unter, es sah Krieg als legitimes Instrument nationaler Größe. Das ist etwas grundlegend anderes als das, was Gady und andere Sicherheitsexperten heute fordern.

Was sie fordern, ist Abschreckung. Ein Konzept, das gerade auf der Vermeidung von Krieg beruht. Die Logik ist klar: Wenn ein potenzieller Aggressor weiß, dass der Preis eines Angriffs höher ist als der mögliche Gewinn, wird er vom Angriff absehen. Die nukleare Abschreckung hat genau das während des Kalten Krieges geleistet. Aber konventionelle Abschreckung erfordert konventionelle Streitkräfte – und die hat Europa in den letzten dreißig Jahren systematisch abgebaut.

Die Bundeswehr ist dafür das traurigste Beispiel. Nach der Wiedervereinigung wurde sie von über 500.000 auf rund 180.000 Soldaten reduziert. Gerät und Ausrüstung verfielen. Munitionsvorräte reichten zeitweise nur für wenige Tage Gefecht. Das Zwei-Prozent-Ziel der NATO – ohnehin eine Untergrenze – wurde über Jahre hinweg nicht erreicht. Deutschland war der Nutznießer einer Sicherheitsarchitektur, zu der es selbst immer weniger beitrug. Das war bequem, aber es war nicht nachhaltig.

Die Thukydides-Falle und das 21. Jahrhundert

Gady beschreibt in seinem Buch ein Szenario, das sich über das 21. Jahrhundert erstrecken könnte: ein Jahrhundert der Kriege. Der Aufstieg Chinas, der Revisionismus Russlands, die Instabilität im Nahen Osten – all dies deutet auf eine Welt hin, in der militärische Konfrontation wieder zum Repertoire der Großmachtpolitik gehört.

Er verweist dabei auf die sogenannte „Thukydides-Falle“: die historische Beobachtung, dass der Aufstieg einer neuen Macht und die Furcht der bestehenden Macht vor diesem Aufstieg regelmäßig in Kriege münden. Thukydides beschrieb dieses Muster für Athen und Sparta. Der Politikwissenschaftler Graham Allison hat es auf das Verhältnis zwischen den USA und China übertragen. In zwölf von sechzehn historischen Fällen, in denen eine aufsteigende Macht eine etablierte Macht herausforderte, kam es zum Krieg.

Das bedeutet nicht, dass ein Krieg zwischen den USA und China unvermeidlich ist. Aber es bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit höher ist, als die meisten Europäer wahrhaben wollen. Und Europa wäre von einem solchen Konflikt unmittelbar betroffen – wirtschaftlich, strategisch und möglicherweise auch militärisch.

Der Ukrainekrieg als Lehrstück

Der Krieg in der Ukraine bestätigt vieles von dem, was Gady beschreibt. Er zeigt, dass konventionelle Landkriege auch im 21. Jahrhundert möglich und blutig sind. Er zeigt, dass Drohnen und Cyberwaffen das Schlachtfeld verändern, aber den Infanteristen nicht ersetzen. Er zeigt, dass Logistik, Munition und industrielle Kapazitäten über Sieg und Niederlage entscheiden – wie in jedem großen Krieg der Geschichte.

Vor allem aber zeigt der Ukrainekrieg, was geschieht, wenn Abschreckung versagt. Russland griff die Ukraine an, weil Putin glaubte, der Preis sei tragbar. Die westlichen Sanktionsdrohungen erschienen ihm beherrschbar. Die militärische Unterstützung der Ukraine durch den Westen hielt er für begrenzt. In all diesen Annahmen lag er teilweise falsch – aber die entscheidende Fehlkalkulation war bereits geschehen. Der Krieg war da.

Hätte die Ukraine über eine NATO-Mitgliedschaft oder über eigene nukleare Abschreckung verfügt, wäre der Angriff mit hoher Wahrscheinlichkeit unterblieben. Die Ironie der Geschichte: Die Ukraine hatte nach dem Zerfall der Sowjetunion Atomwaffen auf ihrem Territorium – und gab sie im Budapester Memorandum von 1994 gegen Sicherheitsgarantien ab. Garantien, die sich 2022 als wertlos erwiesen. Es ist eine bittere Lektion über den Wert von Papier gegenüber dem Wert von Stärke.

Was Europa tun muss

Gady plädiert nicht für Kriegsbegeisterung. Er plädiert für Realismus. Für das Eingeständnis, dass militärische Stärke und effektive Diplomatie keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bedingen. Bismarck wusste das. Die Architekten der NATO wussten das. Nur das Europa der Friedensdividende hat es vergessen.

Konkret bedeutet das: Europa muss seine konventionellen Streitkräfte stärken, und zwar nicht als symbolische Geste, sondern als glaubwürdige Fähigkeit zur Verteidigung. Das erfordert nicht nur höhere Budgets, sondern auch eine Veränderung im Denken. Verteidigungspolitik muss wieder als das verstanden werden, was sie ist: eine Versicherungspolice gegen das Schlimmste.

Deutschland hat dabei eine besondere Verantwortung. Nicht trotz seiner Geschichte, sondern wegen ihr. Gerade weil Deutschland weiß, wohin entfesselter Militarismus führt, sollte es in der Lage sein, den Unterschied zwischen Aggression und Verteidigung zu erkennen. Gerade weil Deutschland die Katastrophen des 20. Jahrhunderts verursacht hat, sollte es alles dafür tun, dass sich solche Katastrophen nicht wiederholen. Und das bedeutet eben auch: bereit sein, den Frieden zu verteidigen, wenn er bedroht wird.

Der Zeitgeist wendet sich

In der Geschichte des deutschen Kaiserreichs, der Weimarer Republik und des Dritten Reiches hat der jeweilige Zeitgeist die politischen Entscheidungen geprägt – oft mit verheerenden Folgen. Der imperiale Zeitgeist unter Wilhelm II. führte in den Ersten Weltkrieg. Der revisionistische Zeitgeist der Weimarer Republik bereitete den Boden für Hitler. Der rassistische Zeitgeist des Nationalsozialismus entfesselte den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust.

Der Zeitgeist der Nachkriegszeit – Pazifismus, europäische Integration, Multilateralismus – war die richtige Antwort auf diese Katastrophen. Er hat Europa sieben Jahrzehnte Frieden geschenkt. Aber ein Zeitgeist, der die Möglichkeit des Krieges kategorisch ausschließt, wird in dem Moment gefährlich, in dem andere Akteure diese Möglichkeit sehr wohl in Betracht ziehen.

Wir erleben gerade eine solche Zeitenwende. Die Frage ist nicht, ob sie kommt – sie ist bereits da. Die Frage ist, ob Europa bereit ist, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Nicht die Schlüsse von 1914, als man in den Krieg zog, weil man ihn für ein Abenteuer hielt. Nicht die Schlüsse von 1938, als man den Frieden bewahren wollte, indem man den Aggressor gewähren ließ. Sondern die Schlüsse von 1949, als man mit der NATO eine Allianz schuf, die stark genug war, um den Frieden zu sichern – weil sie stark genug war, um den Krieg zu gewinnen.

Die Geschichte lehrt uns nicht, dass Aufrüstung zum Krieg führt. Sie lehrt uns, dass sowohl unkontrollierte Aufrüstung als auch naive Abrüstung zum Krieg führen können. Der schmale Grat dazwischen heißt Abschreckung. Es wird Zeit, dass Europa diesen Grat wieder betritt.


Literatur:

  • Gady, Franz-Stefan: Die Rückkehr des Krieges: Warum wir wieder lernen müssen, mit Krieg umzugehen. Quadriga, 2024.
  • Haffner, Sebastian: Von Bismarck zu Hitler. Kindler Verlag, 1987.
  • Angell, Norman: Die große Illusion. 1910.
  • Clausewitz, Carl von: Vom Kriege. 1832.
  • Allison, Graham: Destined for War: Can America and China Escape Thucydides’s Trap? 2017.