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Wer zündete die Lunte?

Die Kriegsschuldfrage 1914, neu gestellt

Es gibt Debatten, die nie enden. Die Frage, wer den Ersten Weltkrieg verschuldet hat, gehört dazu. Über hundert Jahre nach den Schüssen von Sarajevo wird noch immer gestritten – nicht aus antiquarischem Interesse, sondern weil die Antwort bestimmt, wie wir die Gegenwart verstehen. Wer war schuld an der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts? Alle ein bisschen? Oder manche mehr als andere?

Die Schlafwandler und ihre Erben

Zwölf Jahre ist es her, dass der australisch-britische Historiker Christopher Clark mit seinem Buch Die Schlafwandler die Kriegsschulddebatte auf den Kopf stellte. Clarks These war ebenso einfach wie provokant: Es gab keinen Hauptschuldigen. Die politischen und militärischen Entscheidungsträger des Sommers 1914 seien wie Schlafwandler in die Katastrophe getaumelt – Getriebene eines Systems, das sie selbst geschaffen hatten, aber nicht mehr kontrollierten. Nicht ein einzelnes Land treffe die Kriegsschuld, sondern alle Großmächte hätten gleichermaßen Verantwortung getragen.

Das war, gemessen am deutschen Geschichtsdiskurs, eine Befreiung. Seit Fritz Fischers Griff nach der Weltmacht (1961) hatte in der Bundesrepublik die These von der deutschen Hauptschuld dominiert – eine These, die sich nahtlos in die Erzählung vom deutschen Sonderweg fügte und die den Ersten Weltkrieg als Vorspiel zum Zweiten deutete. Clark durchbrach dieses Narrativ, und seine Interpretation setzte sich in Forschung und Öffentlichkeit weitgehend durch. Es wurde still um die Kriegsschuldfrage.

Der Blick des Juristen

Der Wiener Rechtsphilosoph Joachim Dolezik, Habilitand an der Universität Wien und Autor zweier völkerrechtlicher Dissertationen, hat in einem Aufsatz in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (Jg. 2025, Heft 11) die Debatte wieder aufgenommen – und Clarks These weitergedacht, ja zugespitzt. Sein Ansatz ist dabei ein anderer als der des Historikers: Dolezik argumentiert nicht primär historisch, sondern völkerrechtlich. Er fragt nicht nur, wer politisch zum Krieg beigetragen hat, sondern wer rechtlich legitimiert war, zu den Waffen zu greifen – und wer nicht.

Seine Schlussfolgerung ist unbequem, egal von welcher Seite man sie betrachtet: Deutschland und Österreich-Ungarn tragen zwar „eine beträchtliche Mitverantwortung“ für den Kriegsausbruch. Aber die „Hauptverantwortung“ – und hier geht Dolezik entschieden über Clark hinaus – könne Russland und Frankreich zugeschrieben werden.

Der Blankoscheck – aber welcher?

Die Geschichte des deutschen „Blankoschecks“ für Österreich-Ungarn kennt jeder, der sich mit dem Kriegsausbruch beschäftigt hat. Am 5. und 6. Juli 1914 sicherte die deutsche Reichsleitung ihrem Bündnispartner in Wien bedingungslose Unterstützung zu – eine fatale Vollmacht, die den Habsburgern freie Hand gegen Serbien gab, ohne zu wissen, wohin dies führen würde. Dieser Blankoscheck gilt bis heute als einer der entscheidenden Schritte in den Krieg.

Dolezik bestreitet das nicht. Aber er zeigt, dass der deutsche Blankoscheck nicht der einzige war. Im Juli 1914 seien gleich mehrere Blankoschecks in Umlauf gegeben worden. Russland habe Serbien vorbehaltlose Unterstützung zugesagt, obwohl zwischen beiden Ländern nicht einmal ein formelles Bündnis bestand. Statt eines vertraglichen Beistandspaktes machte das Zarenreich eine Art „panslawistisches Exklusivrecht“ geltend – eine ideologische Begründung, die im Völkerrecht keinen Halt fand. Frankreich wiederum habe Russland volle Rückendeckung für eine militärische Aktion gegen Österreich-Ungarn gegeben und damit die „Delokalisierung eines rein regionalen Balkankonflikts“ forciert.

Mit anderen Worten: Während die bisherige Debatte den deutschen Blankoscheck für Wien isoliert betrachtete, stellt Dolezik ihn in eine Reihe mit gleichwertigen – wenn nicht gravierenderen – Vollmachten auf der anderen Seite. Es war nicht ein Blankoscheck, der in den Krieg führte. Es waren mehrere. Und die Frage, welcher der folgenschwerste war, ist keineswegs so eindeutig, wie es die Fischer-Schule Jahrzehnte lang behauptet hat.

Wer hatte das Recht zum Krieg?

Hier wird Doleziks völkerrechtlicher Blick besonders scharf. Er argumentiert, dass im Sommer 1914 nur ein einziger vom Völkerrecht gedeckter Bündnisfall vorgelegen habe – nämlich der zwischen Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich. Die beiden Mächte waren durch den Zweibundvertrag von 1879 aneinander gebunden, einen Defensivpakt, der im Falle eines russischen Angriffs auf einen der Partner den Beistand des anderen vorsah.

Auch die deutsche Kriegserklärung an Russland sei als Reaktion auf die Mobilmachungen des Zarenreichs und den Aufmarsch russischer Truppen an der Grenze zu Ostpreußen völkerrechtlich rechtmäßig gewesen. Das Reich habe damit einer „unmittelbaren Bedrohungslage“ gegenübergestanden. Diese Bewertung stellt die seit Fischer eingeübte Lesart, wonach die deutsche Kriegserklärung ein aggressiver Akt war, grundsätzlich in Frage.

Kein Gleichgewicht, sondern Übergewicht

Dolezik geht noch einen Schritt weiter. Er bestreitet, dass es 1914 überhaupt ein Mächtegleichgewicht in Europa gegeben habe, und spricht stattdessen von einem „Mächteübergewicht“ der Entente. Interesse an einem Angriffskrieg mit Annexionsabsichten hätten nur zwei Großmächte gehabt: Frankreich, das Elsass-Lothringen zurückgewinnen wollte, und Russland, das die Kontrolle über den Bosporus und die Meerengen von Konstantinopel anstrebte.

Der Autor zitiert dabei ausgerechnet Fritz Fischer – den prominentesten Verfechter der deutschen Hauptschuld – zum Beleg seiner eigenen Schlussfolgerungen. Fischer hatte 1969 in Krieg der Illusionen festgehalten, dass „die Hauptstoßrichtung der russischen Expansionsbestrebungen auf die Meerengen von Konstantinopel“ gezielt habe und dass „in diesem Grundsatz der russischen Politik der Anteil Russlands am Kriegsausbruch im Sommer 1914″ gelegen habe. Dolezik dreht Fischers eigene Quellen gegen Fischers These – ein rhetorisch bemerkenswerter Schachzug.

Clark weitergedacht – oder korrigiert?

Dolezik sieht sich selbst in der Tradition Clarks, geht aber bewusst über ihn hinaus. Clark hatte Russland bereits eine „aggressive Politik auf dem Balkan“ und den Entente-Partnern eine „aggressive Auslegung des casus foederis“ attestiert. Aber Clark hatte diese Zuspitzung nie explizit ausgesprochen – wahrscheinlich, so Dolezik, um seine Gesamtthese von der gemeinsamen Verantwortung aller Großmächte nicht zu gefährden.

Dolezik kritisiert Clark deshalb als „wenig konsequent“ und argumentiert, gestützt auf Herfried Münkler, umso rigoroser, dass 1914 „der Schlüssel zum Krieg in der russischen Hauptstadt“ lag.

Das ist eine starke These. Ob sie sich in der Forschung durchsetzen wird, bleibt abzuwarten. Die Reaktionen dürften kontrovers ausfallen – denn die Frage nach der Kriegsschuld ist nie nur eine historische Frage. Sie ist immer auch eine politische.

Warum das heute wichtig ist

Zuletzt hat der norwegische Historiker Odd Arne Westad in seinem Buch Der kommende Sturm die gegenwärtig angespannte geopolitische Situation multipler Krisen mit der Lage unmittelbar vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges verglichen. Tatsächlich verengen sich die Problemlösungen zunehmend von diplomatischen auf militärische Perspektiven. Entscheidungsträger zeigen sich angesichts sich ständig und schnell verändernder Lagen sichtlich überfordert – ganz wie ihre Vorgänger im Sommer 1914.

„So gesehen sind die Akteure von 1914 unsere Zeitgenossen“, lautete Clarks Resümee seinerzeit.

Wenn Clark Recht hat – und vieles spricht dafür –, dann ist Doleziks Neubewertung mehr als eine akademische Fußnote. Sie ist eine Warnung. Denn wenn es stimmt, dass 1914 nicht ein einzelner Aggressor, sondern ein System wechselseitiger Eskalation, ideologischer Blankoschecks und völkerrechtlicher Grauzonen in den Krieg führte, dann stellt sich die Frage, ob wir heute die Mechanismen, die damals zur Katastrophe führten, wirklich besser verstehen als die Schlafwandler von 1914.

Die ehrliche Antwort lautet: nicht unbedingt.


Quellen:

  • Dolezik, Joachim: „Historiografische Debatten zur Julikrise und die Frage nach der Verantwortung am Kriegsausbruch 1914.“ In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Jg. 2025, Heft 11.
  • Clark, Christopher: Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. DVA, 2013.
  • Fischer, Fritz: Krieg der Illusionen: Die deutsche Politik von 1911 bis 1914. Droste Verlag, 1969.
  • Münkler, Herfried: Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918. Rowohlt, 2013.
  • Westad, Odd Arne: Der kommende Sturm. 2025.
  • Schlott, René: „Russlands Rolle im Ersten Weltkrieg neu bewertet.“ In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.05.2026.