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Alles auf eine Karte – Warum das Kaiserreich weiterkämpfte, obwohl der Krieg verloren war

Im Frühjahr 1918 wusste jeder nüchterne Beobachter, dass das Deutsche Kaiserreich diesen Krieg nicht mehr gewinnen konnte. Die britische Seeblockade hatte die Bevölkerung ausgehungert. Die Verbündeten Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich waren militärisch am Ende. Und jeden Tag landeten frische US-amerikanische Divisionen in Frankreich – eine Übermacht, gegen die selbst die kampferprobten deutschen Truppen nicht bestehen konnten. Dennoch befahl Erich Ludendorff am 21. März 1918 die größte Offensive des gesamten Krieges. Warum? Die Antwort liegt nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in den Hinterzimmern der Macht.

Eine Frage des Überlebens – aber wessen?

Der amerikanische Politikwissenschaftler H. E. Goemans hat in seinem Buch War and Punishment: The Causes of War Termination and the First World War (2000) eine These aufgestellt, die zunächst provokant klingt, bei näherer Betrachtung aber erschreckend einleuchtet: Nicht die militärische Lage bestimmt, wann ein Krieg endet – sondern die innenpolitische Struktur der kriegführenden Staaten. Genauer gesagt: Die persönlichen Konsequenzen, die den Führern nach Kriegsende drohen.

Goemans unterscheidet drei Regimetypen und ihr jeweiliges Verhalten bei der Kriegsbeendigung. Demokratische Führer – wie in Frankreich oder Großbritannien – riskieren bei einer Niederlage die Abwahl. Das ist schmerzhaft, aber man überlebt es. Kein britischer Premierminister musste nach einem verlorenen Krieg um sein Leben fürchten. Daher sind demokratische Führungen eher bereit, einen Kompromissfrieden zu akzeptieren, wenn die Kosten des Krieges den möglichen Ertrag übersteigen.

Autokraten wiederum – Herrscher mit umfassender Repressionsmacht – können auch nach einem ungünstigen Frieden an der Macht bleiben. Sie kontrollieren den Sicherheitsapparat, sie können Opposition unterdrücken, sie können die Deutung der Niederlage bestimmen. Auch für sie ist ein Kompromissfrieden eine realistische Option.

Die gefährlichste Kategorie aber sind die sogenannten gemischten Regime. Und genau in diese Kategorie fällt das Deutsche Kaiserreich von 1914 bis 1918.

Das Kaiserreich – zu schwach für Frieden

Was war das Kaiserreich eigentlich? Es war keine Demokratie, obwohl es einen Reichstag mit allgemeinem Männerwahlrecht besaß. Es war aber auch keine reine Autokratie, obwohl der Kaiser als oberster Kriegsherr fungierte und die Militärführung unter Hindenburg und Ludendorff ab 1916 faktisch eine Diktatur errichtete. Das Kaiserreich war ein Hybrid – eine konstitutionelle Monarchie mit starken oligarchischen Elementen, in der die preußische Militäraristokratie, das Großbürgertum und die Krone um Einfluss rangen.

Genau diese Mischform wurde zur Falle. Die herrschende Elite – der preußische Adel, die Großindustriellen, die Generäle – hatte im Laufe des Krieges massive Kriegsziele formuliert und innenpolitische Reformen blockiert. Ein Kompromissfrieden, der die besetzten Gebiete in Belgien und Nordfrankreich zurückgegeben hätte, ohne territoriale Gewinne, ohne Reparationen, ohne ein „Ergebnis“, das die vier Jahre des Blutvergießens gerechtfertigt hätte – ein solcher Frieden hätte unweigerlich die Frage aufgeworfen: Wofür sind zwei Millionen deutsche Soldaten gestorben?

Diese Frage hätte sich nicht nur an das Militär gerichtet, sondern an das gesamte System. An die Monarchie. An den Adel. An die Generalität. Und die Antworten wären vernichtend ausgefallen. Die Sozialdemokraten drängten bereits auf Reformen. Die Arbeiterschaft hungerte. Die Matrosen in Kiel und Wilhelmshaven waren demoralisiert. Ein Kompromissfrieden ohne Sieg hätte das alte System nicht einfach geschwächt – er hätte es hinweggefegt. Und mit ihm die Menschen, die es verkörperten.

Gamble for Resurrection

Hier greift das Konzept, das Goemans in den Mittelpunkt seiner Analyse stellt: den Gamble for Resurrection – die Wette auf die Wiederauferstehung. Wenn die Führung eines gemischten Regimes vor der Wahl steht zwischen einem sicheren Untergang durch einen Kompromissfrieden und einer kleinen, aber vorhandenen Chance auf einen militärischen Erfolg, der das eigene Überleben sichert, dann wählt sie das Risiko. Nicht aus militärischer Rationalität, sondern aus dem Instinkt der Selbsterhaltung.

Ludendorffs Frühjahrsoffensive 1918 – das „Unternehmen Michael“ – war genau eine solche Wette. Die Rechnung war einfach, wenn auch zynisch: Nach dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk im März 1918 konnten Divisionen von der Ostfront abgezogen werden. Für ein kurzes Zeitfenster von wenigen Wochen besaß das Deutsche Reich im Westen eine zahlenmäßige Überlegenheit, bevor die amerikanischen Truppen in voller Stärke eintrafen. Wenn es gelänge, die Briten und Franzosen in dieser Zeitspanne entscheidend zu schlagen, könnte man aus einer Position der Stärke verhandeln. Wenn nicht, war ohnehin alles verloren.

Als Ludendorff nach dem strategischen Konzept der Offensive gefragt wurde, soll er geantwortet haben, man haue ein Loch rein und der Rest werde sich zeigen. Es war kein Plan. Es war ein Glücksspiel.

Die Kosten der Wette

Die Offensive begann vielversprechend. Neue Sturmtrupptaktiken und kurze, heftige Feuerwalzen ermöglichten zum ersten Mal seit vier Jahren einen tiefen Durchbruch. Doch es fehlte an allem: an Reserven, an Nachschub, an einem klaren strategischen Ziel. Statt sich auf den Knotenpunkt Amiens zu konzentrieren, wurde der Erfolg in alle Richtungen ausgeweitet. Der Frontverlauf wurde länger, nicht kürzer. Und die ausgehungerten deutschen Soldaten plünderten bei jedem Durchbruch die reich gefüllten alliierten Vorratslager – eine bittere Bestätigung dafür, dass die eigene Propaganda über den Erfolg des U-Boot-Krieges nichts als Lüge gewesen war.

Der „Schwarze Tag des deutschen Heeres“ am 8. August 1918 bei Amiens markierte das Ende. Zum ersten Mal ergaben sich deutsche Einheiten in großer Zahl. Die Offensive war gescheitert. Aber die Wette war ja bereits vorher verloren gewesen – sie hatte nur den Zeitpunkt der Niederlage hinausgezögert und die Verluste vergrößert. Hunderttausende Soldaten starben in den letzten Monaten eines Krieges, der längst entschieden war.

Warum kein Frieden 1917?

Goemans‘ Analyse wirft auch ein scharfes Licht auf die verpassten Gelegenheiten der Jahre davor. Bereits 1916, nach dem gegenseitigen Ausbluten bei Verdun und an der Somme, herrschte militärisch ein Patt. Reichskanzler Bethmann Hollweg versuchte im Dezember 1916, Friedensverhandlungen einzuleiten – doch ohne konkrete Kriegsziele zu formulieren, da die Militärführung und die annexionistischen Kräfte im Reichstag dies blockierten. Man wollte aus einer Position der vermeintlichen Stärke verhandeln und hob die bisherigen militärischen Erfolge hervor, statt ein ernsthaftes Angebot zu machen. Die Entente lehnte ab.

Hätte das Kaiserreich 1916 die Größe besessen, auf territoriale Gewinne zu verzichten und den Status quo ante bellum als Verhandlungsbasis anzubieten, wäre ein Ende des Krieges zumindest denkbar gewesen. Aber genau hier zeigt sich die Tragik des gemischten Regimes: Die herrschende Elite konnte einen solchen Frieden nicht anbieten, ohne ihre eigene Legitimität zu untergraben. Wozu die enormen Opfer, wenn am Ende alles beim Alten blieb? Und so wurde stattdessen im Februar 1917 der uneingeschränkte U-Boot-Krieg wieder aufgenommen – eine weitere Eskalation, die den Kriegseintritt der USA provozierte und das Kräfteverhältnis endgültig zugunsten der Entente verschob.

Auch der uneingeschränkte U-Boot-Krieg war im Grunde ein Gamble for Resurrection. Die Marine versprach, England innerhalb weniger Monate in die Knie zu zwingen, bevor die USA militärisch eingreifen könnten. Es war wieder eine Wette mit astronomischen Einsätzen und minimalen Erfolgschancen. Und wieder verlor das Kaiserreich.

Die Falle des Zeitgeists

Der Zeitgeist des Kaiserreichs – jene Mischung aus militärischem Prestige, aristokratischem Standesdünkel und nationalem Größenwahn – machte einen rationalen Umgang mit der sich verschlechternden Kriegslage nahezu unmöglich. Die Generäle waren Gefangene ihrer eigenen Propaganda. Kaiser Wilhelm II. war, wie der Historiker Holger Afflerbach anhand der Tagebücher seiner engsten Umgebung nachgewiesen hat, der Situation intellektuell und emotional nicht gewachsen. Sein Generaladjutant von Plessen versuchte systematisch, negative Nachrichten von ihm fernzuhalten. Die Kaiserin unterstützte diese Verschleierung nach Kräften. Bei kleinsten lokalen Erfolgen wurde Champagner ausgeschenkt.

Es war ein System, das sich selbst belog. Und genau darin liegt die erschreckende Aktualität von Goemans‘ Analyse: Regime, die weder demokratisch genug sind, um eine Niederlage politisch zu verarbeiten, noch autokratisch genug, um sie zu unterdrücken, neigen zur Eskalation. Sie kämpfen weiter, nicht weil sie an den Sieg glauben, sondern weil sie den Frieden mehr fürchten als den Krieg.

Was blieb

Die Wette ging verloren. Das Kaiserreich brach zusammen. Die Revolution fegte die Monarchie hinweg. Ludendorff floh in einer blauen Brille und mit falschem Bart nach Schweden. Hindenburg blieb und half, die „Dolchstoßlegende“ zu konstruieren – jene vergiftete Erzählung, wonach nicht die Armee, sondern die Heimatfront den Krieg verloren hätte. Es war der letzte, vielleicht wirkungsvollste Gamble for Resurrection: Die alte Elite rettete ihren Ruf auf Kosten der Wahrheit und legte damit den Grundstein für das, was noch kommen sollte.

Goemans‘ Buch macht deutlich, dass die Verlängerung des Ersten Weltkriegs kein Zufall war und auch nicht allein auf militärische Fehlkalkulationen zurückzuführen ist. Sie war das logische Ergebnis einer politischen Struktur, in der die Verantwortlichen mehr zu verlieren hatten durch den Frieden als durch die Fortsetzung des Krieges. Der Preis dafür zahlten andere: die Soldaten in den Gräben, die hungernden Familien in der Heimat, die Verwundeten und Verstümmelten, deren Opfer am Ende nur dazu dienten, den Untergang hinauszuzögern – nicht ihn zu verhindern.


Literatur:

  • Goemans, H. E.: War and Punishment: The Causes of War Termination and the First World War. Princeton University Press, 2000.
  • Afflerbach, Holger: Auf Messers Schneide: Wie das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg verlor. C.H. Beck, 2018.
  • Tuchman, Barbara: August 1914. Fischer Taschenbuch, 2001.
  • Friedrich, Jörg: 14/18: Der Weg nach Versailles. Propyläen Verlag, 2014.
  • Haffner, Sebastian: Die sieben Todsünden des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg. Verlag der Weltkunde, 1964.